文化大革命和中国历史轮回——文化大革命四十周年祭:司马涛教授的德文翻译和引言)

Die Kulturrevolution und die historischen Zyklen in China

– zum 40. Jahrestag der Kulturrevolution

Hu Jingbei

Deutsche Übersetzung mit einer Einleitung von Prof. Dr. Thomas Zimmer

【注: 本人的“文化大革命和中国历史轮回——文化大革命四十周年祭”文章写成并发表于2006年10月。2026年10月在微信上重刊时,将文中的“四十年”改为“六十年”。司马涛教授(Prof. Dr. Thomas Zimmer)将2006年的这篇文章全文译成德文,并发表于德国巴符州德中协会主办的《China-Report》第45期(2007年1月)。他还为译文撰写了引言。我对此表示深切感谢。本次在微信上发表德译文,完整保留司马涛先生的引言和译文原貌,其中“四十周年”“今天”等表述均应按当时的历史背景理解。我另加了作者附注(见文末),对译文可能的不准确之处及有关版本差异作出说明。本文以中文原文为最终有效文本。——胡景北,2026年10月24日

Anmerkung:

Dieser Essay „Die Kulturrevolution und die historischen Zyklen in China– zum 40. Jahrestag der Kulturrevolution“ wurde im Oktober 2006 verfasst und veröffentlicht. Bei der erneuten Veröffentlichung der chinesischen Fassung auf WeChat im Oktober 2026 wurden die Zeitangaben von vierzig auf sechzig Jahre geändert. Prof. Dr. Thomas Zimmer hat den Essay von 2006 vollständig ins Deutsche übersetzt und in Heft 45 des von der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft Baden-Württemberg herausgegebenen „China-Report“ (Januar 2007) veröffentlicht. Er hat dazu auch eine Einleitung verfasst. Dafür gilt ihm mein herzlicher Dank. Bei der jetzigen Veröffentlichung der deutschen Fassung auf WeChat bleiben seine Einleitung und seine Übersetzung vollständig und im ursprünglichen Wortlaut erhalten. Die Angabe „zum 40. Jahrestag“ sowie zeitbezogene Ausdrücke wie „heute“ sind im damaligen historischen Kontext zu verstehen. Ich habe eigene Anmerkungen hinzugefügt (siehe am Ende des Textes), in denen ich auf mögliche Ungenauigkeiten der Übersetzung sowie auf Unterschiede zwischen den Textfassungen eingehe. Maßgeblich bleibt die chinesische Originalfassung.      Hu Jingbei, den 24. Oktober 2026】

Die Kulturrevolution und die historischen Zyklen in China

– zum 40. Jahrestag der Kulturrevolution

Hu Jingbei (Shanghai)

 aus dem Chinesischen

mit einer Einleitung von Thomas Zimmer

Prof. Dr. Thomas Zimmer

Einleitung

Die Kulturrevolution ist nicht vergessen, und doch ist der 40. Jahrestag ihres Ausbruchs in China nahezu unbemerkt vorübergegangen. Ein geheimes Treffen chinesischer Wissenschaftler im Frühjahr 2006 in Peking, der eine oder andere Hinweis in der Presse, hin und wieder ein Buch zu dem traurigen Jubiläum (z.B. die Notizen des vormaligen Reporters der Volkszeitung Ji Xichen unter dem Titel Ein Zeitalter ohne historisches Vorbild, Peking 2006) – man schien nicht viel Aufhebens um die Erinnerung an die „zehn katastrophalen Jahre“ machen zu wollen. Dabei hat es in den 80er Jahren schon einmal die eine oder andere Veröffentlichung zur Kulturrevolution gegeben, doch damals wie heute (vgl. die eben angeführten Notizen des Reporters) handelt es sich vielfach um Darstellungen mit biographischem Schwerpunkt. Wie ein roter Faden ziehen sich die Schilderungen vom Leid der Opfer durch diese Werke. Die häufige Konzentration auf Angehörige des Pekinger Machtzirkels erlaubt zwar interessante Blicke hinter die Kulissen, doch wird dabei die Sicht auf die Verbreitung der Gewalt in der Gesellschaft insgesamt verstellt. Literarisch ist das Thema Kulturrevolution dagegen in einigen Werken der „Narbenliteratur“ ebenfalls in den 80er Jahren umgesetzt worden, doch nehmen sich des Zeithintergrundes gelegentlich auch noch Verfasser unserer Tage an, wie das Beispiel des vor einigen Jahren erschienenen Buches Geständnisse eines Rotgardisten von Liang Xiaosheng zeigt, in dem interessanterweise einmal eine „Täterperspektive“ geboten wird.

Theoretische Auseinandersetzungen mit der Kulturrevolution hat es in China dagegen nur gelegentlich zu Zeiten gegeben, in denen ein milderes politisches Klima herrschte. Ansonsten haben sich vornehmlich Exilchinesen, Autoren aus Taiwan und Hongkong sowie Sinologen mit dem Thema befasst und dazu etwas veröffentlicht.

Hu Jingbeis Artikel, der vor kurzem auf Hus chinesischer Internetseite erschienen ist und vielfältige Reaktionen der Leser ausgelöst hat, ist als der Versuch zu verstehen, der Diskussion über die Vergangenheit neue Impulse zu verleihen.

Der Gedanke, in den Erscheinungen der Kulturrevolution auch etwas Gutes zu sehen und die eruptive Gewalt von unten als demokratischen Impuls aufzufassen, ist in der chinesischen Diskussion nicht neu und immer wieder einmal von den Angehörigen der „Neuen Linken“ geäußert worden. Man mag das durchaus anders sehen: nach unserem westlichen Verständnis fehlt hier noch das eine oder andere fundamentale Element, um von einer „funktionierenden Demokratie“ sprechen zu können: die Beachtung eines demokratischen Verfahrens, die Einhaltung von Gesetzen, die Achtung der Würde anderer usw. Aber womöglich ist es gerade das, was Hu mit seinem Artikel bezweckt: das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass ein Bedürfnis der Menschen in China nach Demokratie weiterhin vorhanden ist, dass der Impuls, der damals in der Kulturrevolution schon deutlich existiert hat und dann allerdings in einer ungeregelten Form zum Ausdruck kam, noch wach ist und dass man in China heute endlich damit beginnen muß darüber nachzudenken, wie sich geregelte demokratische Abläufe entwerfen lassen, die für den Staat, die Partei und die Bürger gleichermaßen Verbindlichkeit besitzen.

Die Kulturrevolution und die historischen Zyklen in China

—-Zum 40. Jahrestag der Kulturrevolution

Hu Jingbei

(Shanghai)

Im Jahre 1966, vor genau 40 Jahren, begann die „Große Proletarische Kulturrevolution“, die Mao Zedong selbst in Gang gesetzt hatte und die er leitete. Ab diesem Jahr wurden an den Mittelschulen und Universitäten in ganz China keine neuen Schüler und Studenten mehr aufgenommen. Mehrere Millionen Absolventen der sechsjährigen Grundschule, die ursprünglich im Herbst 1966 hätten an den Mittelschulen Aufnahme finden sollen, mußten damit bis zum Jahr 1969 warten.

Ich hatte das Glück, im Jahre 1965 mit dem Besuch der Mittelschule begonnen zu haben, und obwohl es mir nicht beschieden war, die „Pariser Kommune“, die „Oktoberrevolution“ und „den Sieg über den Banditen Tschiang Kai-shek“ mitzuerleben, so durfte ich mich doch glücklich schätzen, die Mittelschule besuchen zu dürfen und die Kulturrevolution sowie die „Erledigung Liu Shaoqis“ hautnah mitverfolgen zu können. Zig Millionen von Schülern, Studenten und Menschen überall in China übten sich bis 1968 in der Revolution. In diesem Jahr zeigte sich, dass man mit der Revolution in eine Sackgasse geraten war, es waren das Land und die Dörfer, die zum einzigen Rückzugsort für die Schüler und Studenten aus den Städten wurden.

In meiner Erinnerung umfasst die Kulturrevolution die beiden Jahre von 1966 bis 1968 – eben die Jahre, in denen es besonders stürmisch zuging, in denen man weder die Schule besuchte noch arbeitete, sondern in denen alle Schüler und Studenten zu Berufsrevolutionären wurden. Wenn heute von den zehn Jahren der Kulturrevolution die Rede ist, dann beinhaltet das auch immer die sieben Jahre von 1969 bis 1976. Doch recht betrachtet, sind diese sieben Jahre für die „Roten Garden“, die „Anhänger Kapitalismus“ und die Geschichte Chinas von keiner allzu großen Bedeutung, denn sie bildeten nur den schwachen Ausläufer einer anfangs mächtigen Bewegung. Die Kulturrevolution existierte zu dieser Zeit nur noch dem Namen nach und allein aus dem Grunde, da Mao Zedong nicht den Mut besaß, ihr Ende zu verkünden.

Heute, vierzig Jahre später, kann ich mich immer noch deutlich an den Tag des 18. Oktober 1966 erinnern, als ich gemeinsam mit einer Million Roter Garden Zeuge davon wurde, wie unsere Parade von Mao Zedong abgenommen wurde. Mir fällt dabei wieder eine Szene aus Tolstois Krieg und Frieden ein, in der Rostov bei der Abnahme einer Parade durch den Zaren denkt, daß diese ganze riesige Armee zusammen mit ihm, Rostov (der sich bei aller Verbundenheit mit der Armee doch auch nur als winzigen und unbedeutenden Teil von dieser empfand), auf ein einziges Wort des Zaren hin für diesen durch das Feuer gehen, Verbrechen ausüben, sich todesmutig in den Kampf stürzen oder vielleicht auch heldenhafte Erfolge erzielen würde. Im Roman überkommt Rostov beim Anblick jenes Mannes, der dieses mächtige Wort verkörperte, ein Schauer. Jawohl, auch die Erinnerungen an die Kulturrevolution durch jene, die sie persönlich miterlebt haben, verursacht einem heute unwillkürlich Zittern und Herzklopfen. Tolstois Roman war vor Ausbruch der Kulturrevolution nicht verboten. Wenn also jemand wie ich, der damals im Jahre 1966 dreizehn Jahre alt war nicht wusste, dass mittels einer riesigen Massenbewegung ebenso großartige und heldenhafte Erfolge auf der einen Seite wie grausame und abscheuliche Verbrechen auf der anderen Seite hervorgerufen werden konnten, so mochte das angehen; aber sollten nicht wenigstens die Universitätsstudenten und die Erwachsenen, die Tolstoi gelesen hatten, davon etwas wissen? Unser Klassenlehrer war damals der Russischlehrer, der hatte doch bestimmt Tolstoi gelesen. Aber warum hatte er uns nicht beigebracht, dass die Aussage, eine „Massenbewegung besitzt von Natur aus Gültigkeit“ nicht unbedingt richtig war? Selbstverständlich wäre der Mann, wenn er diese Aussage damals zu Zeiten der Kulturrevolution gemacht hätte als Konterrevolutionär und Gegner der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ kritisiert und bekämpft worden. Doch warum hatte er mit uns nicht schon früher, bevor die Dinge so stark eskalierten, einmal über Tolstoi gesprochen? Heute bin ich selbst ein Erwachsener. Ich habe Tolstoi gelesen, und obgleich ich in einer Gesellschaft lebe, in der das Recht auf freie Rede beschnitten ist, muß ich doch anerkennen, daß es heute immerhin viel toleranter zugeht als zu den Zeiten der Kulturrevolution. Daher bin ich – immer eingedenk der Tatsache, dass man die Zukunft zwar nicht voraussagen kann, dass jedoch eine Wiederholung der Geschichte immer möglich ist – bereit, meine Erfahrungen über die Kulturrevolution mitzuteilen, und zwar nicht zuletzt den Jugendlichen und jungen Menschen, die die Kulturrevolution nicht verstehen können und denen auch mein Tagebuch aus jeder Zeit nichts mehr sagt.

Ich bin der Ansicht, dass die Kulturrevolution auf der einen Seite ein grausames Mittel darstellte, mit dem Mao Zedong die Herrschaft durch seine Person festigte; auf der anderen Seite stellte sie den barbarischen Versuch des chinesischen Volkes dar, eine ideale Gesellschaft zu errichten. Einerseits stellte die Kulturrevolution dadurch, dass sie die Verwirklichung des Kommunismus im 20. Jahrhundert auf die Spitze trieb, dessen Undurchführbarkeit unter Beweis; andererseits trieb sie die wechselhaften Veränderungen der chinesischen Geschichte im 20. Jahrhundert ins Extreme und verlieh dem künftigen historischen Fortschritt Chinas damit mehr Veränderungsmöglichkeiten und mehr Risiken. Die Besonderheit der Kulturrevolution besteht darin, dass sie eine Form des das ganze Volk umfassenden roten Terrors darstellt sowie eine Form teilweiser politischer Freiheit eben für das Volk. Ich werde meine Auffassungen zur Kulturrevolution und über ihre Verbindungen zu den historischen Kreisläufen in China besonders mit Blick auf diese beiden Besonderheiten entwickeln.

1 Die Kulturrevolution: Roter Terror

Es steht vollkommen außer Frage, dass die Kulturrevolution eine der diktatorischsten Momente in der chinesischen Geschichte darstellt. In dieser Zeit waren allein die Taten und Gedanken Mao Zedongs der einzig gültige Maßstab für das Handeln und Denken. Alle Handlungen, die gegen Maos Worte und Gedanken verstießen, galten als konterrevolutionär und wurden unverzüglich unter Gewaltanwendung bestraft. Ähnliche Momente hatte es in der chinesischen Geschichte zwar bereits gegeben, doch war dabei nie solch ein hohes Maß an Gewalt wie in der Kulturrevolution an den Tag gelegt worden. Dies hatte seinen Grund darin, dass die Kulturrevolution im Vergleich zu den gewöhnlichen diktatorischen Erscheinungen in der Geschichte zwei klare Unterschiede aufwies: 1. Die Kulturrevolution trat in einer in höchstem Maße durchorganisierten Gesellschaft auf. Jeder Chinese war in Arbeitseinheiten der Fabriken, Schulen, Produktionsbrigaden usw. organisiert. Selbst die Belange der Alten und Kinder wurden in den Einwohnerkomitees oder den Produktionsbrigaden geregelt. Mittels eines Organisationssystems, das die Gesellschaft vollkommen durchdrang, gelangten die Gedanken Mao Zedongs vollkommen bis in die letzten Winkel der Gesellschaft. Da jeder jeden überwachte, konnten alle abschätzigen Worte und Taten gegenüber Mao Zedong aufgedeckt und öffentlich bestraft werden. Die Roten Garden stellten dabei eine jugendliche Massenorganisation dar, in der man Mao Zedong vollkommen verehrte. Es war eine ihrer obersten Aufgaben abschätzige Worte und Taten aufzudecken und zu ahnden. 2. Die Menschen in China erkannten die Herrschaft Maos nicht nur in ihren Gedanken an, sondern identifizierten sich mit ihr auch emotional. Mao Zedong galt als der große Retter Chinas. Jeden Morgen hörte man die Melodie „Der Osten ist rot“, die als eine „Vertonung der Worte des Vorsitzenden Mao“ eine der großen Besonderheit in der Kulturrevolution darstellte. Überall fanden Veranstaltungen statt, auf denen Menschen z.B. über die „Bitternis in der alten Gesellschaft“ klagten und der „Errungenschaften des neuen China“ gedachten. Oder man ließ sich über die eigenen seelischen Veränderungen vor dem Hintergrund der „Niederringung egoistischer Gedanken“ und der „Kritik am Revisionismus“ aus. Die totale Beherrschung selbst rein individuell-menschlicher Bereiche wie Schule und Studium, Arbeit, Kleidung und Freizeit – ja sogar die Liebe (d.h. die proletarische Liebe) durch die Politik führte dazu, dass gleichzeitig mit der starken Unterdrückung der alltäglichen Gefühle der Menschen die Bedürfnisse nach Liebe und seelischer Anteilnahme in individuelle Gefühle gegenüber Mao Zedong verwandelt wurden. Es war vor allem dieser zweite Aspekt, demzufolge die Überwachung jedes Menschen durch jeden anderen zu einem ganz bewußten Verhalten im Volke wurde. Und es war auch dieser zweite Aspekt, der später nach dem Tode Mao Zedongs dafür sorgte, dass Menschen, die Mao niemals persönlich begegnet waren, in großes Wehklagen ausbrachen und viele Tränen vergossen. Auch dass die Roten Garden, die nach 1968 viel durchzumachen hatten, ihre Gefühle gegenüber Mao Zedong nicht aufgeben konnten gleich der Mehrheit der Menschen, die die erste Liebe nicht vergisst, hat eben  hierin ihre Ursache.

Der Charakter der Herrschaft, die in der Kulturrevolution ausgeübt wurde, lässt sich mit einem Wort folgendermaßen umschreiben: „Roter Terror“ – übrigens eine Vokabel, derer sich die Roten Garden mit Stolz bedienten und die eine Art und Weise der Revolution bezeichnete, mit der die Verwirklichung der revolutionären Ideale garantiert wurde. Der Rote Terror stand im Gegensatz zu dem, was die Roten Garden mit Blick auf die 20er und 30er Jahre in China als den „Weißen Terror“ bezeichneten. Doch der Weiße Terror jener Zeit hatte immerhin noch dem Schriftsteller und Lehrer Lu Xun (1881-1936) eine Existenz ermöglicht, auch konnten die Professoren öffentlich ihre Ansichten verbreiten und bekunden, dass ihre Konzepte dem Marxismus zuzurechnen waren. Der Rote Terror dagegen legte fest, dass alle Worte und Taten, die nicht marxistisch waren, Ansichten darstellten, die gegen die Große Proletarische Kulturrevolution gerichtet waren. Daß solche Worte und Taten nicht öffentlich kundgetan werden durften, versteht sich von selbst. Doch selbst Partner, Kinder und Freunde, denen privat derartiges zur Kenntnis kam, waren aufgefordert, die Person, die das geäußert hatte, bekanntzugeben, denn derartige Äußerungen standen unter Strafe. Wichtiger ist aber, dass diese Bestrafungen zuallererst gewaltsam vorgenommen wurden und nicht auf die sprachliche und administrative Ebene beschränkt blieben. Daher trifft die Feststellung zu, dass der Rote Terror ein neues Ausmaß an Terror darstellte, wie man es bis dahin in der chinesischen Geschichte nicht gekannt hatte. Selbstverständlich war es auch vor der Kulturrevolution nicht erlaubt gewesen, nicht marxistische Auffassungen in der Presse und in den Hörsälen vorzutragen. Doch die Kulturrevolution wurde in dieser Hinsicht zu einem Extrem. Außer Mao Zedong und seinem Stellvertreter Lin Biao (1907-1971) musste jeder befürchten, da seine Schriften womöglich einmal einer kritischen Überprüfung unterworfen würden. Die Worte und Taten ganz gleich von wem konnten einer schonungslosen Offenlegung unterzogen werden, um zweifelhafte Dinge ans Tageslicht zu bringen, die gegen Mao gerichtet waren. Wurde tatsächlich etwas gefunden, dann musste der Betreffende nicht nur den Verlust seiner Würde befürchten, sondern hatte auch körperliche Verletzungen hinzunehmen. Der Selbstmord von vielen Schriftstellern und Intellektuellen wie Lao She (1899-1966) oder Fu Lei (1908-1966) in der Zeit der Kulturrevolution, der Tod von zahlreichen Männern wie Staatspräsident Liu Shaoqi (1898-1969) und dem ehemaligen Verteidigungsminister Peng Dehuai (1898-1974) hatte sicherlich nicht nur etwas mit dem Verlust der Würde zu tun, sondern lag zuvorderst daran, dass sie die körperliche Peinigung nicht länger ertragen konnten. An der Mittelschule Nr. 9, die ich in Nanking besuchte, haben sich während der Kulturrevolution eine ganze Reihe von Lehrern umgebracht. Der direkte Grund dafür war nicht die Kritik an ihnen auf Wandzeitungen, sondern die Gewalt, die man ihnen gegenüber ausübte oder mit der man ihnen drohte. Die Herrschaft, die in der Kulturrevolution ausgeübt wurde, war in besonderem Maße eine des Terrors, dies steht nicht nur heute außer Frage, daran wird auch in tausend Jahren niemand zweifeln können. Ganz gleich welche festlandschinesische Zeitung aus der Zeit zwischen 1966 und 1968 man aufschlägt – der erste Eindruck, den der Leser erhält, ist der des Terrors, der der absoluten Macht Maos, erkennbar allein schon an apodiktischen Bemerkungen wie der, daß Maos Äußerungen „Satz für Satz die Wahrheit“ bedeuteten. Weiter ist da noch die Form höchster Verehrung gegenüber Mao Zedong durch die Roten Garden und die gewöhnliche Bevölkerung Chinas anzuführen sowie die willkürliche Bezeichnung von Menschen als „kapitalistische Parteigänger“ oder „Ochsendämonen“ und „Schlangengeister“ und die daraus folgende Bestrafung. Das alles war Ausdruck eines inhumanen und vollkommen irrationalen Terrors.

2 Teilweise politische Freiheit

Gleichzeitig mit der Konstatierung des Terror-Charakters der Kulturrevolution möchte ich auf den Aspekt der Freiheit verweisen. Im offiziellen Sprachgebrauch handelte es sich bei der Kulturrevolution um „Unruhen“. Unruhe führt zu heftigen Bewegungen, heftige Bewegungen wiederum legen Freiheiten nahe, sind ohne Handlungs- und Bewegungsfreiheit nicht vorstellbar. Wer wollte heftige Bewegungen ohne die Freiheit der Gedanken ausführen? Erst wenn man die Freiheit dazu hat, kann man sich ungehindert bewegen. Erst die unbehinderten Bewegungen von mehreren hundert Millionen Chinesen führten zu Unruhen. Doch die Freiheit der Handlung und der Gedanken, von der hier die Rede ist, muß mit den Phänomenen der Herrschaft und des Terrors, von denen im vorstehenden Abschnitt die Rede war, in Einklang gebracht werden. Ansonsten bleibt uns die Kulturrevolution unverständlich.

Die chinesische Herrschaft wird oft in abstrakter Form als staatliche Herrschaft oder als kaiserliche Herrschaft bezeichnet. Dies trifft zwar zu, doch muß noch konkret die soziale Herrschaft ergänzt werden. In China ist jede Arbeitseinheit despotisch, und die Regierung auf jeder Ebene verhält sich gegenüber denen, die von ihr regiert werden despotisch. Ein Chinese lebt nicht nur in einer abstrakten staatlichen Herrschaft, er lebt auch in der konkreten Herrschaft, die von der Arbeitseinheit und dem Einwohnerkomitee ausgeübt wird. Die Herrschaft, die ein gewöhnlicher Chinese im täglichen Leben erfährt, ist nicht die staatliche Ebene der Herrschaft, sondern die Herrschaft, wie sie von der Führung in Unternehmen, Dörfern, Behörden, Lehranstalten und dem Einwohnerkomitee ausgeht. In der Mehrzahl der Fälle wird ein gewöhnlicher Chinese nicht die im täglichen Verkehr erfahrene Form der Herrschaft direkt mit der staatlichen Herrschaft in Verbindung bringen. In China schätzt man die Figur des aufrechten Richterbeamten Bao Qingtian. In den klassischen Erzählungen und Romanen wird gerne beschrieben, wie die Menschen die Sänfte der Beamten aufhalten und ihre Klagen vorbringen. Der Grund dafür ist, dass es in den Augen der gewöhnlichen Chinesen eine riesige Diskrepanz zwischen der selbst erfahrenen Herrschaft in der Gesellschaft und der staatlichen Herrschaft, die sich in der kaiserlichen Herrschaft der Hauptstadt manifestierte.

Die konkrete gesellschaftliche Herrschaft bildet zwar die Grundlage für die staatliche Herrschaft, aber die Tendenz des Machtmissbrauchs der Regierungsgewalt auf jeder Ebene ist insofern folgenreich, als dadurch nämlich das Vertrauen der Menschen in die Herrscher des Staates und in die staatliche Gewalt überhaupt gefährdet wird. Aus diesem Grunde griffen die Kaiser zu allen möglichen Maßnahmen, um den Machtmissbrauch durch die regionalen Instanzen und Einrichtungen zu unterbinden. Alle diese Maßnahmen wurden in der chinesischen Geschichte immer von oben verordnet. Allein in der Kulturrevolution wurden die Maßnahmen von unten aus unternommen, oder vielleicht treffender formuliert: die Maßnahmen wurden in einem erheblichen Maße von unten aus unternommen. Das, was in bezug auf die Kulturrevolution mit der Floskel „historisch beispiellos“ bezeichnet wird, ist gerade dieser eben genannte Aspekt. Ich rufe mir noch einmal die Kulturrevolution in Erinnerung. Die erste Person, die damals an der Mittelschule, die ich besuchte, öffentlich attackiert wurde, war der Rektor. Dabei handelte es sich vermutlich um eine Entscheidung der städtischen Erziehungsbehörde, also um eine Anordnung von oben. Doch in der Folge gerieten auch der Parteizellensekretär der Schule, sein Stellvertreter, der stellvertretende Rektor und der Studienleiter ins Feuer der Kritik. Nun könnte man zwar sagen, hierbei habe es sich um eine „großartige strategische Planung“ von Mao Zedong gehandelt, doch zumindest die Art und Weise, wie diese Planung umgesetzt wurde, war Sache unserer Schule – nämlich die freie und furchtlose Offenlegung und Bekämpfung der „revisionistischen“ Worte und Taten der Schulbeamten durch unsere Schüler und Lehrer. In der Tat verhielt es sich so, dass die städtische Erziehungsbehörde als Teil der örtlichen Regierungsgewalt damals bereits gelähmt war. Der Behördenleiter und weitere leitende Beamte waren bereits zu „kapitalistischen Mitläufern“ abgestempelt worden und konnten daher unmöglich noch Anweisungen zur Kulturrevolution in der Schule geben. Doch einmal angenommen, die Behördenleitung wäre noch nicht kaltgestellt worden und hätte Anweisungen gegeben – die Schüler hätten das mit einer argwöhnischen, kritischen Haltung aufgenommen und diese Anweisungen wohl sogar abgelehnt, denn schließlich waren es keine Anweisungen vom „Vorsitzenden Mao“ und dem „Stellvertretenden Vorsitzenden Lin“ selbst. Während der Kulturrevolution verhielt es sich in allen Arbeitseinheiten und in allen lokalen Regierungsinstanzen auf diese Art und Weise. Mao Zedong konnte zwar z.B. den ersten KP-Sekretär Shanghais, Chen Pixian, als Anhänger des Kapitalismus bloßstellen, doch er wusste nicht, wer in der Shanghaier Erziehungsbehörde oder wer im Huangpu-Distrikt ein kapitalistischer Anhänger war. Dies verlieh den Roten Garden und den Massen ein großes Maß an Freiheit. Sie konnten frechweg die Worte und Taten der Leiter von Behörden und Distrikten einer Prüfung unterziehen. Wenn dabei revisionistische Tendenzen festgestellt wurden, konnten die Leiter sofort abgesetzt werden. Wenn wir also den despotischen Charakter der Kulturrevolution konstatieren, dann sollten wir nicht übersehen, dass die Massen in dieser Zeit eben auch teilweise politische Freiheit genossen.

George W. Bush hat einmal gesagt, dass der größte Fortschritt der Menschheit in mehreren tausend Jahren der sei, die Herrschenden in Käfige gesperrt haben zu können, damit sie von dort aus versuchten Macht auszuüben. Selbstverständlich muß dieser Käfig geschlossen sein, auch ist er nicht nur für Präsident Bush gemacht, sondern auch für die Beamten aller Regierungsebenen, die Unternehmensführer und die Schulrektoren. Während der Kulturrevolution wurden alle Machthaber Chinas aus den Einwohnerkomitees, Fabriken, Schulen, aus den Kreisbehörden bis hin zu den Provinz-, Stadtbehörden und dem Staatsrat in Käfige gesperrt. Ausgespart davon blieben nur Mao Zedong und Lin Biao. Aber war das noch nicht genug für die gewöhnlichen Chinesen? War solch eine „Große Demokratie“ (ein Standardbegriff aus der Kulturrevolution) nicht eine Form der Demokratie? In der chinesischen Geschichte hat man sich in allen Dynastien gegen bestechliche und korrupte Beamte gewandt, doch wann war es je vorgekommen, dass die Mehrzahl der Beamten von den Massen des Volkes in freier Form bloßgestellt und bekämpft wurde? Das hat es nur einmal in der Kulturrevolution gegeben!

In der Kulturrevolution galt es als kapitalistisch, wenn jemand außergewöhnliche Kleidung trug, besser aß als andere oder mehr als gewöhnliche Ansprüche stellte. Selbst Ehepaare, die auf der Straße Hand in Hand gingen, mussten sich den Vorwurf kapitalistischen Verhaltens gefallen lassen. Revisionismus war nur ein etwas schwächerer Begriff als Kapitalismus. Doch gleichzeitig mit der Gegnerschaft zu den kapitalistischen Tendenzen in der ganzen Gesellschaft war der Schwerpunkt in der Kulturrevolution die Kritik an den kapitalistischen Machthabern innerhalb der Kommunistischen Partei, d.h. an den mächtigen Beamten und Kadern in Regierung und Partei. Vor der Kulturrevolution hatte es die heute so häufig auftretenden Erscheinungen unter den Beamten wie Vetternwirtschaft, Korruption, Bestechlichkeit, Eigenmächtigkeit und Despotentum, Ruhmsucht, Falschheit und Betrug eher selten gegeben. Sobald ein Beamter auch nur die materiellen Vorzüge hervorhob (und sei es, daß er gar nicht einmal die eigenen materiellen Vorteile meinte), oder wenn er sich über seine Arbeit beklagte, bzw. wenn er die „Durchsetzung der revolutionären Linie Mao Zedongs“ nicht mit Nachdruck verfolgte, so wurde er zum kapitalistischen Anhänger abgestempelt – ganz zu schweigen von dem, was ihm blühte, wenn er das heute so gängige Verhalten von Vetternwirtschaft, Korruptheit und Degeneriertheit an den Tag legte. Doch sei es drum, selbst wenn die Beamten vor der Kulturrevolution nicht jenes Maß an „Schlechtigkeit“ an den Tag legten wie heute, so blieb die Frage, wie man sie kontrollierte und überprüfte doch ein riesiges Problem für China. Uns ist bekannt, daß Machtmißbrauch, gesellschaftliche Verkommenheit und moralischer Niedergang sich zuallererst bei den dem Kaiser unterstellten Beamten der Regierungsbehörden jeder Ebene bemerkbar machen und nicht etwa beim Herrscher selber. Aus diesem Grunde war es für den Kaiser notwendig, die Beamten zu überwachen. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet handelte es sich bei der Kulturrevolution um eine Bewegung großen Ausmaßes, bei der das üble Gebaren  der dem Kaiser unterstellten Beamten einer Maßregelung unterzogen wurde. Der Unterschied zu den gleichartigen Bewegungen der Herrscherdynastien bestand nur im Sprachgebrauch: im Sprachgebrauch der Kulturrevolution wandte man sich gegen die kapitalistischen Machthaber, wohingegen früher vom Kampf gegen die korrupten Beamten die Rede gewesen war.

Über die Kulturrevolution hatte Mao Zedong einst gesagt, daß er nach 1949 viele Methoden ausprobiert hatte, doch immer gescheitert war; erst mit der Kulturrevolution habe er die richtige Methode gefunden. Von Mao stammte ebenfalls der Ausspruch, daß die Kulturrevolution keineswegs eine einmalige Angelegenheit darstelle, sondern in der Zukunft immer wieder – etwa alle sieben bis acht Jahre einmal  – auftreten werde. Ein Freund aus der Mittelschule bemerkte dazu einmal, daß, wenn wirklich alle sieben bis acht Jahre einmal eine Kulturrevolution stattfinden sollte, es sehr gefährlich würde, Beamter zu sein. Und wie auch nicht: um wie viel vorsichtiger wären wohl heute all die Regierungsbeamten, die Unternehmensleiter, Dorfvorsteher, Kreisleiter und Schulrektoren, wenn sie wüßten, daß ihnen nach sieben oder acht Jahren wieder eine Kulturrevolution bevorsteht. Sieben, acht Jahre – das ist nur wenig mehr als die fünfjährige Amtszeit eines französischen Präsidenten oder die achtjährige Zeit von zwei Legislaturperioden für Abgeordnete und Parlamentarier in den USA und Deutschland. Anders herum gesprochen: wenn man die Beamten und Regierungskader alle sieben oder acht Jahre einmal in einen Käfig sperrt und der freien, furchtlosen Kritik durch das Volk aussetzt, dann ist das bei aller Verschiedenheit gar nicht so viel anders wie die Neuwahl von Abgeordneten im Westen alle vier oder fünf Jahre. So gesehen weist die in China erfundene und von unten ausgehende freiheitliche Kritik an den Beamten durchaus Ähnlichkeiten mit den freiheitlichen Wahlen auf, die im Westen erfunden worden sind.

3 Die Kulturrevolution und die historischen Zyklen in China

Als die Kulturrevolution 1976 offiziell beendet wurde, strich man das Recht auf die „Vier Großen Freiheiten“ (die Freiheit des Streits zwischen verschiedenen Schulen, die Freiheit der Zulassung einander widerstreitender Meinungen, die Freiheit der Meinungsäußerung auf Wandzeitungen und die Freiheit des Debattierens) und das Streikrecht aus der Verfassung. Das Ziel der Kulturrevolution war es gewesen, die höchste Alleinherrschaft des Staates zu sichern. Die Mittel dazu waren die gewaltsame Verletzung der Würde des Menschen und Terror, mit dem aus kleinen Fehlern große Vergehen gemacht wurden. Die Methoden, mit denen das Volk unter Ausnutzung partieller politischer Freiheiten die Kader und Beamten in die Schranken gewiesen hatte, waren unzivilisiert und bösartig gewesen. Es hatte sich um eine Form unkontrollierter Volksgewalt gehandelt, die deshalb auch abgeschafft werden sollte. Doch in China wurde in der Folge keine neue Form gefunden, mit der man die Kader und Beamten unter Kontrolle hielt, vielmehr ging man erneut dazu über, die Beamten wie früher von oben herab zu gängeln und zurechtzuweisen. Da sich die Form der Ausübung von Alleinherrschaft im Lande nicht geändert hatte, kamen schnell wieder die Herrschaft durch die Arbeitseinheiten und durch die Gesellschaft auf – und nicht nur das, diese Herrschaft wurde noch stärker als vor der Kulturrevolution. Auf diese Weise verloren die Menschen ein weiteres Mal die gesamte politische Freiheit. Im heutigen China gibt es nicht einmal mehr die traditionelle Form der Unmutsäußerung gegenüber der Obrigkeit, bei der man früher „die Sänfte der Beamten aufhielt und seine Klagen vorbrachte“. Doch solange es für die Menschen weiterhin keine Möglichkeit gibt, die Beamten wirksam in die Schranken zu weisen, und solange die Menschen noch unter der Herrschaft der Arbeitseinheiten leben – so lange wird die Kulturrevolution als Erinnerung in den Menschen weiterleben, und nicht nur das, sie wird sogar etwas sein, das sich die Menschen herbeisehnen. Für die Kader und Beamten wird daraus ein Alptraum, den sie nicht beseitigen können. Wenn China also die Anziehungskraft, die die Kulturrevolution immer noch auf die Menschen ausübt, beseitigen möchte, und wenn die Kader und Beamten den Alptraum durch die Kulturrevolution loswerden möchten, dann muß eine neue Form gefunden werden, mit der man die Beamten und Kader in Käfige einsperrt.

Die Zurechtweisung der Beamten von oben aus hat in China eine lange Tradition. Um gegen einzelne Beamte vorzugehen, die ihre Macht missbraucht haben, ist diese Methode sehr effektiv. Doch sobald der Machtmissbrauch eine allgemeine Erscheinung unter den Beamten wird, ist diese Methode wirkungslos. In der chinesischen Geschichte ist es immer wieder einmal vorgekommen, dass von unten der Wunsch kam, hohe Beamte in der Umgebung des Herrschers auszuschalten. Doch kommt diesem Vorgehen, wenn die lokalen Adligen den Kaiser zwingen bestimmte Beamte zu maßregeln keinerlei systematische Bedeutung zu, und es ist etwas ganz anderes wie wenn sich die Massen erheben, um die Initiative gegen Beamte zu ergreifen. In der chinesischen Geschichte wurde es immer als eine Revolte aufgefasst, wenn sich das Volk erhob: Dynastien wurden auf diese Weise gestürzt, oder nahezu zum Sturz gebracht. Die Kulturrevolution stellte eine absolut neue Art und Weise dar, wie der Kaiser und das Volk Hand in Hand gegen die Beamtenschaft vorgingen. Das Volk erhob sich dabei, doch die Dynastie blieb stabil und intakt. Auf diese Weise wurden dem Volk, das keinerlei Bestrebungen machte die Dynastie zu stürzen, Hoffnungen gemacht, seinem Unmut über all das Unrecht loszuwerden und die Unterdrückung durch die Gesellschaft abzuschütteln. Heute, da diejenigen, die die Kulturrevolution selbst miterlebt haben, zum größten Teil noch leben, ist die Katastrophe dieses Ereignisses noch frisch in jedermanns Erinnerung, und daher wird sich die gerade beschriebene Hoffnung nicht weiter entwickeln können. Doch mit der Zeit, wenn die leidvollen Erinnerungen immer schwächer werden, wird die Erinnerung an das Glücksgefühl, das sich einst bei dem furchtlosen Vorgehen gegen die Beamten einstellte immer stärker werden, werden die Hoffnungen, die man in der Zeit der Kulturrevolution hatte und die Sehnsucht nach dieser Zeit womöglich wachsen. So gesehen stellt die Kulturrevolution für die künftige Entwicklung der Gesellschaft Chinas durchaus einen neuen Unsicherheitsfaktor dar.

Für mich stellt die Kulturrevolution innerhalb der Entwicklungszyklen der chinesischen Geschichte eine extreme Situation dar. Angenommen die Kulturrevolution hätte niemals stattgefunden, dann wäre die von den jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen ausgelaugte chinesische Gesellschaft, die im Gefolge des Sturzes der Qing entstanden waren, wiederum auf die traditionellen Bahnen der Entwicklung in der chinesischen Geschichte zurückgekehrt und in ein neues Herrschaftszeitalter eingetreten. Ohne einen Einfluß von außen hätte sich dieses Herrschaftszeitalter dann womöglich über ein paar hundert Jahre halten können. Die Kulturrevolution hat die zyklischen Bahnen der chinesischen Geschichte verändert. Nach dem Abklingen der militärischen Kämpfe und Unruhen hat sie – zwar ohne Pulverdampf, doch dafür mit den für Zeiten der Unruhe typischen Erscheinungen von Mord, Hass und Gewalt – das Chaos auf ein bis dahin der chinesischen Geschichte unbekanntes Maß getrieben. Als daher die Unruhen vorüber waren, war die Dynastie zwar noch intakt, doch die Beamten, die in der Zeit der Kulturevolution gelitten hatten, hatten das Vertrauen gegenüber dem Kaiser verloren. Die im Vergleich zu den Zeiten vor der Kulturrevolution schlimmer gewordene Herrschaft durch die Arbeitseinheiten und der Machtmissbrauch riefen selbstverständlich den Unmut der Bevölkerung hervor. Aus diesem Grunde kann man sagen, dass China noch nicht in einen neuen Zyklus einer langfristigen großen Herrschaftszeit eingetreten ist.

Auf der anderen Seite sollten wir akzeptieren, dass äußere Faktoren die Bedingungen für die historischen Zyklen Chinas grundlegend verändert haben. Ohne den Einfluß der westlichen Kultur wäre die Qing-Dynastie nicht vor einem Jahrhundert zusammengebrochen, würden wir heute noch unter der Herrschaft des mandschurischen Kaiserhauses leben. Ohne den Einfluß der westlichen Kultur gäbe es in China keine Vorstellung von Gleichberechtigung. Der Machtmissbrauch durch die Beamten würde zwar vom Kaiser oder durch Volksaufstände beschränkt, doch weder alleinige Entscheidungsbefugnis des Kaisers noch die Sonderrechte der Bürokratie würden angezweifelt. Es hat gerade einmal hundert Jahre benötigt, dass die aus dem Westen stammenden Vorstellungen „durch das Volk“, „dem Volk“ und „für das Volk“ in China Verbreitung gefunden haben. Auf diese Weise sind in China die mehr als zweitausend Jahre alte Herrschaftsvorstellungen abgeschafft worden. Wenn man das mit dem mühsamen Ausbreitungsprozeß des Buddhismus in China vergleicht, dann ist unschwer zu erkennen, dass die Vorstellung von „durch das Volk“, „dem Volk“ und „für das Volk“ in besonderem Maße der inneren Verfassung der Menschen in China entspricht. Dies ist wie die chinesische Papierherstellung und Drucktechnik, die in besonderem Umfang den inneren Bedürfnissen der Menschen aus dem Westen bei der Lektüre der Bibel entsprechen. Auf der Grundlage des Konzeptes der Gleichheit zwischen den Menschen spielt sich die chinesische Geschichte zwar noch in Zyklen ab, jedoch hat sich die Qualität der Zyklen gezwungenermaßen verändert. Die Geschichte Chinas kann sich nicht mehr nur zwischen der Herrschaftsausübung und der Politik der Bekämpfung von Unruhen durch das aufständische Volk bewegen. Im Gegenteil: die chinesische Geschichte muß sich in einen neuen Kreislauf begeben, bei dem sich verschiedene geistige Strömungen in der Gesellschaft gegenseitig im Gleichgewicht halten, die unter der Voraussetzung der Gleichberechtigung der Menschen entstanden sind. Bei letztgenanntem neuen Kreislauf sind in Zeiten des Wandels dann auch nicht mehr gegenseitiger Mord und Gewalt notwendig. Wenn China also in eine lang anhaltende Herrschaft eintreten möchte, dann kann es keine neue dynastische Herrschaft in der überlieferten historischen Form sein, sondern nur eine in der Form einer freiheitlichen, demokratischen und auf Recht und Gesetz gegründeten Gesellschaft, in der es Monopolgewalt durch den Staat und die Arbeitseinheiten nicht mehr gibt. Nur so kann in China womöglich am Ende die Rationalität von Erscheinungen wie der Kulturrevolution und brutaler Volksgewalt beseitigt werden. Wie der Wandel zu solch einer Herrschaft auf friedliche Weise zu bewerkstelligen ist, dies stellt die Herrschenden und die Gemeinen in China gleichermaßen vor eine große innere Prüfung und eine Prüfung ihrer Weisheit.

Ich bete für China und für jeden meiner Landsleute!

(Ende)

Anmerkungen

zur Einleitung von Prof. Dr. Thomas Zimmer und

 zu seiner Übersetzung meines Essays über die Kulturrevolution

Hu Jingbei

Ich danke Prof. Dr. Thomas Zimmer dafür, dass er meinen Essay seinerzeit ins Deutsche übersetzt und mit einer eigenen Einleitung einem deutschsprachigen Publikum vorgestellt hat. Seine Einleitung enthält sowohl Verständnis und Anerkennung als auch Vorbehalte und kritische Fragen. Anlässlich der erneuten Veröffentlichung möchte ich einige Punkte zur Interpretation meines Arguments und zu einzelnen Formulierungen der Übersetzung erläutern. Die folgenden Anmerkungen lassen seine Einleitung unverändert und unterscheiden zwischen inhaltlicher Deutung, Übersetzungsfragen und noch zu klärenden Unterschieden zwischen den Textfassungen.

1 Zur Deutung als demokratischer Impuls

Prof. Zimmer spricht in seiner Einleitung davon, in den Erscheinungen der Kulturrevolution auch etwas Gutes zu sehen und die eruptive Gewalt von unten als demokratischen Impuls aufzufassen. Er verweist dabei auf ähnliche Auffassungen innerhalb der chinesischen „Neuen Linken“. Er ordnet mich dieser Strömung nicht ausdrücklich zu. Dieser Deutungsrahmen kann jedoch den Eindruck erwecken, ich wolle der Kulturrevolution einen demokratischen Charakter zusprechen.

Mein vorrangiges Anliegen ist eine Erklärung: Wie konnte eine Bewegung, die der Sicherung der persönlichen Diktatur an der Spitze diente, zugleich Menschen dazu mobilisieren, die Leiter ihrer eigenen Einrichtungen und die örtlichen Funktionäre anzugreifen und zu stürzen? Mit dem Begriff der Despotie in den Arbeitseinheiten möchte ich die im Alltag erfahrene Unterdrückung und den Wunsch erklären, sich ihr zu entziehen. Die Erklärung dieses Wunsches und seiner mobilisierenden Wirkung bedeutet keine Billigung der politischen Form, in der er sich äußerte.

Bereits im dritten Abschnitt des chinesischen Textes verwerfe ich diese Form der Politik ausdrücklich als barbarisch und menschenunwürdig.

2 Zur Auslassung einer entscheidenden Einschränkung in der Überschrift

Die ursprüngliche chinesische Überschrift des zweiten Abschnitts lautet sinngemäß „Teilweise politische Freiheit unter der Diktatur“. In der deutschen Übersetzung steht dagegen lediglich „Teilweise politische Freiheit“. Damit entfällt die für mein Argument entscheidende Einschränkung „unter der Diktatur“.

Diese Auslassung betrifft den gedanklichen Rahmen des gesamten Abschnitts. Ich untersuche dort, wie die fortbestehende Diktatur an der Spitze mit einem begrenzten Handlungsspielraum der Bevölkerung gegenüber untergeordneten Machthabern zusammenwirken konnte. Gerade dieses Verhältnis zwischen staatlicher Despotie und der Despotie innerhalb der Arbeitseinheiten bildet den Kern meiner Erklärung. Ohne den Zusatz „unter der Diktatur“ kann hingegen der Eindruck entstehen, der Abschnitt behandle politische Freiheit als eine eigenständige positive Errungenschaft der Kulturrevolution.

Die ursprüngliche Einschränkung ist von der Ergänzung zu unterscheiden, die ich selbst für die Neuausgabe von 2026 vorgenommen habe. Die Überschrift lautet nun sinngemäß: „Begrenzte politische Freiheit unter der Diktatur — ein Erklärungsansatz für die Politik des Mobs“. Der neue Untertitel verdeutlicht meine erklärende Absicht; die Einschränkung „unter der Diktatur“ war jedoch bereits im ursprünglichen chinesischen Titel enthalten.

Zudem wird das chinesische Wort für Despotie beziehungsweise diktatorische Herrschaft wiederholt mit dem allgemeineren Wort „Herrschaft“ wiedergegeben. An einzelnen Stellen verwendet die Übersetzung zwar ausdrücklich „despotisch“. Insgesamt wird jedoch die Bedeutung meiner Unterscheidung zwischen staatlicher Despotie und der Despotie innerhalb der Arbeitseinheiten abgeschwächt.

Ähnliches gilt für den chinesischen Ausdruck pidou, der mehrfach als „Kritik“, stellenweise auch als „freiheitliche Kritik“ erscheint. Gemeint sind öffentliche Anklage- und Kampfsitzungen, die Demütigung, Zwang und Gewalt oder Gewaltandrohung einschließen konnten. Die bloße Bezeichnung als Kritik gibt diesen Charakter nicht hinreichend wieder und kann die Zwangsförmigkeit des untersuchten Geschehens verdecken.

3 Zur Unterscheidung von Freiheit und Demokratie

Im zweiten Abschnitt fragt der chinesische Text, ob die damalige „Große Demokratie“ nicht eine Form von Freiheit gewesen sei. Die deutsche Übersetzung fragt stattdessen: „War solch eine ‚Große Demokratie‘ (ein Standardbegriff aus der Kulturrevolution) nicht eine Form der Demokratie?“

Die Ersetzung von „Freiheit“ durch „Demokratie“ verändert die Aussage. Ein gewisser Handlungsspielraum, der es Menschen erlaubt, untergeordnete Autoritäten anzugreifen, macht eine politische Ordnung noch nicht demokratisch. Die von mir untersuchte begrenzte Freiheit bestand unter der fortdauernden Diktatur an der Spitze. Den Beschuldigten gewährte sie weder ein gleiches Recht auf Verteidigung noch Schutz ihrer körperlichen Unversehrtheit. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis meines Arguments wesentlich.

4 Zum Vergleich mit regelmäßigen Wahlen

Der chinesische Text zieht einen begrenzten Vergleich zwischen periodisch wiederholten Kulturrevolutionen und regelmäßigen Wahlen: In beiden Fällen können Amtsträger einem Druck von unten ausgesetzt sein. Damit behaupte ich weder eine Gleichartigkeit der Institutionen noch eine gleiche Legitimität von öffentlichen Kampfsitzungen und Wahlen. Die anschließende Verwerfung der Politik des Mobs und das Plädoyer für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gehören zum notwendigen Zusammenhang dieses Vergleichs.

An dieser Stelle verändert die deutsche Fassung außerdem den Gegenstand des Vergleichs. Aus der chinesischen Bezugnahme auf zwei Amtszeiten von Amtsträgern in den USA und Deutschland werden zwei Legislaturperioden von Abgeordneten und Parlamentariern. Auch diese Formulierung bedarf einer Überprüfung und Korrektur.

5 Zu Textfassungen und einer weiteren Übersetzungsfrage

Zwischen der erhaltenen deutschen Übersetzung und der nun erneut veröffentlichten chinesischen Fassung bestehen auch Unterschiede im Umfang. So fehlt in der deutschen Fassung eine entsprechende ausführliche Darstellung der wirtschaftlichen und politischen Funktionen des Arbeitseinheitensystems. Auch Teile der abschließenden Überlegungen zum Verlust der selbstverständlichen Legitimität kaiserlicher Herrschaft und zur Rolle der Beamtenschaft sind dort nicht enthalten.

Der chinesische Essay wurde für seine Veröffentlichung im Jahr 2007 ergänzt. Solange nicht geklärt ist, welche Fassung der Übersetzung zugrunde lag, sind diese Unterschiede als Fassungsfragen zu behandeln. Sie dürfen nicht ohne Weiteres als Auslassungen des Übersetzers gelten.

Eine weitere konkrete Stelle betrifft das Lied „Der Osten ist rot“ und die Lieder auf Texte aus den Worten des Vorsitzenden Mao. Der chinesische Text führt diese als zwei verschiedene Beispiele an; die deutsche Fassung verbindet sie so, als handle es sich um dasselbe. Hier sollten die beiden Beispiele voneinander getrennt werden.

Auch mein vor zwanzig Jahren verfasster Essay steht selbstverständlich der Kritik offen. Diese Anmerkungen sollen lediglich deutlicher zwischen meinen damaligen Aussagen, der Interpretation des Übersetzers und den durch Übersetzung oder Textfassung entstandenen Unterschieden unterscheiden. Ich bin Prof. Zimmer dankbar dafür, dass er eine Diskussion über Sprachgrenzen hinweg ermöglicht hat, und hoffe, dass diese Ergänzungen zu einer genaueren Textgrundlage beitragen.

Den 24. Okt. 2026

“夜话”2026年第12期,2026年10月24日

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